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Fwd: Tagber: Kunst und Kulturtransfer zur Zeit Karls des Kuehnen. Internationales Kolloquium
From:
Christian Folini
Date:
Tue, 16 Sep 2008 15:39:03 +0200
Dear all,
Below is a summary of a conference in Berne regarding Charles the
Bold. There was a link to the exposition of course. The
summary is German.
Cheers,
Christian
------------------------------------------------------------------------
Universität Bern (Prof. Dr. Norberto Gramaccini und PD Dr. Marc Carel
Schurr) in Kooperation mit dem Historischen Museum Bern
18.07.2008-19.07.2008, Bern
Bericht von:
Jonas Kallenbach, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur,
Eidgenössisch Technische Hochschule Zürich
E-Mail:
Die vom 25. April bis 24. August 2008 stattfindende Ausstellung Karl
der Kühne (1433 - 1477) in Bern stellt eine hochkarätige Schau zur
Kulturgeschichte Europas der Zeit Karls des Kühnen dar und ermöglicht
grossartige Einblicke in die Kunstproduktion der zweiten Hälfte des 15.
Jahrhunderts. Doch obwohl die burgundisch-niederländische Hofkultur zu
den Blüten der europäischen Kulturgeschichte zählt, spricht man in der
kunsthistorischen Forschung nicht von einer Zeit Karls des Kühnen wie
man dies etwa zeitgleich für die florentinische Kunstentwicklung tut
(Lorenzo de Medici). Anlass genug, ein internationales Kolloquium zu
veranstalten, welches sich mit der Frage nach Kunst und Kulturtransfer
zur Zeit Karls des Kühnen beschäftigt. Organisiert durch die
Universität Bern (Prof. Dr. Norberto Gramaccini und PD Dr. Marc Carel
Schurr) in Kooperation mit dem Historischen Museum Bern, stellten sich
die Referenten der Herausforderung, die Kunstproduktion zur Zeit Karls
des Kühnen in der europäischen Kulturgeschichte zu verankern und
Zusammenhänge zwischen individueller Herrscherbiografie, Hofkultur und
politischen Ereignissen herauszuarbeiten.
Einleitend stellte NORBERTO GRAMACCINI (Bern) die Tagung unter das Motto
des Kunst- und Kulturtransfers. Gerade in Bern eine stimmige
Fragestellung. Widmet sich doch hier seit einem Jahr das
Graduiertenkolleg Kunst als Kulturtransfer seit der Renaissance
(Universitäten Bern, Basel und ETH Zürich) den Austausch- und
Transferprozessen des ausgehenden Mittelalters und der Frühen Neuzeit.
Vormittagssession 18. Juli 2008:
RENATE PROCHNO (Salzburg) eröffnete die Tagung mit einem Vortrag über
die Bildnisse Karls des Kühnen. Ausgehend von dem wohl bekanntesten
Bildnis des Burgunderherzogs (Rogier van der Weyden um 1460,
Berlin/Gemäldegalerie) vertrat Prochno die These, dass es DAS
verbindliche Porträt von Karl nicht gebe. Anhand weiterer Beispiele der
Tafelmalerei, Buchmalerei und Goldschmiedekunst zeigte die Referentin
auf, dass Karl durch eine den Darstellungen innewohnende
Unverbindlichkeit immer wieder von neuem erfunden werden konnte. Mit
einem Überblick über die Rezeptions- und Darstellungsgeschichte des
Burgunderherzogs (bis ins 19. Jahrhundert) zeigte Prochno auf, dass Karl
der Kühne die Betrachter bis heute fasziniert.
SCOT McKENDRICK (London) widmete sich zwei Versionen des Romuléon, einer
Sammelhandschrift zur Geschichte Roms. Er griff die Versionen in Florenz
und Niort heraus, um das Interesse Karls des Kühnen für Rom zu
veranschaulichen. Mit Querbezügen und Textvergleichen zwischen der
Florentiner Version und der Abschrift in Niort zeigte McKendrick auf,
dass die Ausgabe in Niort anhand der Florentiner Version erstellt wurde.
Die Präsenz der Florentiner Version des Romuléon könne in den 1480er
Jahren in der Lorraine nachgewiesen werden. McKendrick schloss mit der
These, dass sich das Florentiner Romuléon bis zu Karls Tod in dessen
Besitz befunden habe und in der Form eines Talismans auch auf dem
Schlachtfeld mitgeführt wurde. Als Kriegsbeute sei das Romuléon dann in
den Besitz des Herzogs von Lothringen (René II.) gekommen.
FABIENNE JOUBERT (Paris) widmete sich den Feierlichkeiten, welche 1468
in Brügge anlässlich der Hochzeit Karls des Kühnen und Margareta von
York stattfanden. Joubert beleuchtete die Frage, inwieweit sich die
politischen Ereignisse in Werken der Kunst reflektierten und in welcher
Form Kunstwerke zur politischen Propaganda und Machtdemonstration
genutzt wurden. Die Beschreibung des Engländers John Paston und
diejenige des Burgundischen Hof-Chronisten Olivier de la Marche würden
die entscheidende Bedeutung der visuellen Dimension der Festivitäten
bezeugen. Weiter beschrieb Joubert die Bedeutung der Malerei und zeigte
anhand von Maler-Listen auf, inwieweit Informationen zur Arbeitsweise
der Maler und zu deren Wertschätzung durch die Auftraggeber gewonnen
werden können. Wichtig sei festzuhalten, dass nebst Malern wie Jehan
Hennecart, Vrancke van der Stockt und Jacques Daret so gewichtige Namen
wie Hans Memling und Petrus Christus in den Listen fehlen würden.
Nachmittagssession 18. Juli 2008:
In der Form eines experimentellen Vortrags (Crossley) näherte sich
PAUL CROSSLEY (London) dem Verhältnis zwischen europäischer Gotik und
Karl dem Kühnen. Während in England seit Edward dem Bekenner grossartige
Sakralbauten gestiftet worden seien, könne in Frankreich einzig
Notre-Dame in Clery als königlicher Bau bezeichnet werden (Ludwig XI.).
Karl der Kühne stehe auch in dieser Tradition. Beim Palast auf dem
Coudenberg (Brüssel) hätte sich der Burgunderherzog mehr um dessen
Ausstattung gekümmert (Millefleurs-Tapisserien im Berner Museum). Als
Ironie der Architekturgeschichte könne gelten, dass Karl unfreiwillig
den grössten Kirchenbau Lothringens des ausgehenden 15. Jahrhundert
initiiert habe. So errichtete René II., Herzog von Lothringen, ab 1481
die Basilika von Saint-Nicolas-de-Port anlässlich seines Sieges über
Karl in der Schlacht von Nancy (1477). Möglichkeiten seien durchaus
vorhanden gewesen, Bauprojekte zu verwirklichen. In Flandern, Brabant
und den südlichen Niederlanden habe der Bautypus der great church um die
Mitte des 14. in seinen Höhepunkt erreicht. Karl hätte diese Werke
sicher gekannt, doch seine Vorliebe habe Tapisserien, Buchillustrationen
und Votiv-Bildern gegolten. Sakralarchitektur sei den mächtigen Städten
Flandern und Brabants vorbehalten gewesen, wohingegen sich die Herzöge
Burgunds der bildenden Kunst bedienten, um jene für ihre Ziele zu
instrumentalisieren.
BRIGITTE KURMANN-SCHWARZ (Zürich) widmete sich den schwarzen Löcher der
Bauten (Glasmalerei). In einem Überblick über die Herrschaftszeit der
Valois stellte die Referentin die Entwicklung der Glasmalerei dar und
vermittelte ein Bild der leider spärlich erhaltenen Kunstwerke. Bis
zum Tod von Johann Ohnefurcht (1419) habe sich die Glasmalerei Burgunds
an Frankreich orientiert. Durch Vergleiche mit Glasmalereien, welche
allesamt mit den nördlichen Niederlanden in Beziehung gebracht werden
können, zeigte Kurmann-Schwarz die Austauschbeziehungen innerhalb des
Herzogtums Burgund auf. Festzuhalten sei, dass die burgundischen Herzöge
nicht geringe Summen für Glasmalerei ausgegeben hätten. Diese hätten die
Funktion gehabt, einem grösseren Publikum die Stifter zu
vergegenwärtigen (stabilitas loci) und Macht und Reichtum der Herzöge
Burgunds zu bezeugen.
PHILIPPE LORENTZ (Strassburg) stellte in seinem Vortrag mit Jacob de
Litemont eine Künstlerpersönlichkeit des 15. Jahrhunderts vor. Der
herausragende Maler der Mitte des 14. Jahrhunderts sei zwar Jean Fouquet
gewesen, eigentlicher Hofmaler dagegen besagter Jacob de Litemont. Ab
1451 fassbar, sei der Flame Jacob de Litemont anlässlich des
Begräbnisses von Karl VII. (gest. 1461) tätig gewesen und dann von
Ludwig XI. an dessen Hof geholt worden. Lorentz vertrat die These, dass
Jacob de Litemont mit dem Maître de Jacques Coeur in Bourges
identifiziert werden könne, welcher dort in den 1440er Jahren attestiert
ist (Hôtel de Jacques Coeur / Kapelle Jacques Coeur). Weiter gehöre
Litemont zum Umkreis der van Eyck-Schule und könne als alternativer
Malertypus zu einem Jean Fouquet verstanden werden.
SUSAN MARTI (Bern) stellte dem Sakramentzyklus des Jakob von Savoyen
(Stickereien) Silberstift-Zeichnungen gegenüber, die sich in Paris und
Oxford befinden. Ausgehend vom Madrider Erlösungs-Triptychon des Vrancke
van der Stockt zeigte Marti dessen enge Beziehung zu Rogier van der
Weyden auf (Sakraments-Triptychon). Ein Chormantel im Historischen
Museum Bern (1536) zeige in seinen Stäben, Rückenschild und Schliessen
ebenfalls Stickereien, welche die Sakramente darstellen. Auftraggeber
sei besagter Jakob von Savoyen gewesen, der den Chormantel wohl in den
1470er Jahren habe anfertigen lassen. Marti verglich diese Stickereien
mit einem Zeichenzyklus, welcher sich in Oxford und Paris befindet und
im Umkreis des Vrancke van der Stockt zu situieren ist. Anhand der
stilistischen und motivischen Ähnlichkeiten zwischen den Zeichnungen aus
Oxford/Paris und den Berner Sakramentstickereien könne der Transfer
einzelner Motive von einer Gattung in eine andere nachvollzogen werden
(Zeichnung Gemälde Stickerei).
Öffentlicher Abendvortrag 18. Juli 2008:
In seinem öffentlichen Abendvortrag wies THOMAS DACOSTA KAUFMANN
(Princeton) auf die Aktualität der Kulturtransferdebatte hin. Bezeugt
werde dies durch diverse Grossprojekte in ganz Europa. Neben dem
Erlanger (Kulturtransfer im europäischen Mittelalter) und dem
Schweizer Graduiertenkolleg (Kunst als Kulturtransfer seit der
Renaissance, Bern/Basel/Zürich) würden weitere Projekte in Belgien und
den Niederlanden stehen. Nach einer kleinen Entstehungsgeschichte der
Kulturtransferdiskussion verknüpft mit einer kritischen Beurteilung
der verschiedenen Ansätze führte DaCosta Kaufmann aus, wie die
Burgundische Hofkultur in ganz Europa wahrgenommen wurde und welche
Transferprozesse zu beobachten sind. Zentral sei der Aspekt der Träger
(agents) von Kultur. Mit der Ausweitung auf Spanien, Portugal,
Skandinavien und Osteuropa zeigte DaCosta Kaufmann auf, wie vernetzt das
Europa des ausgehenden 15. Jahrhunderts war. Abschliessend erweiterte
DaCosta Kaufmann die Transferdebatte, indem er Austauschprozesse im Zuge
der Entdeckung der Neuen Welt beschrieb und zeigte, wie durch die
Verschmelzung einheimischer Elemente mit fremden Modellen Kunstwerke von
grosser Hybridität entstanden sind.
Vormittagssession 19. Juli 2008:
JOHANNES TRIPPS (Leipzig) versuchte das Rätsel der Wolkenbilder auf den
Berner Cäsar-Tapisserien zu lösen. Fänden sich doch nebst normalen
Wolkendarstellungen zoomorphe Gestalten. Ob diese der Phantasie der
flämischen Maler oder den Webern der Teppiche entsprungen sind,
versuchte Tripps in seinen Ausführungen zu beleuchten. Anhand einiger
Beispiele zeigte Tripps auf, wie im Italien der Renaissance Wolkenbilder
der Phantasie der Maler entsprangen. Galt doch das Renaissance-Prinzip
von Makrokosmos/Mikrokosmos, stellte doch der Mensch eine Welt im
Kleinen dar. Dieses Prinzip sei auch im Norden beobachtbar (z. B.
Felsengesicht auf der Berner Version von Niklaus Manuels Enthauptung
Johannes des Täufers, 1515). Hier sei dieses Motiv aber einer eigenen
Tradition verpflichtet. Wurde doch gewissen Himmelskonstellationen schon
im 13. Jahrhundert zusätzliche Bedeutungen zugemessen (Albertus Magnus)
und als (schlechte) Vorzeichen gedeutet.
ANNEMARIE STAUFFER (Köln) stellte fest, dass wenig Literatur über die
burgundischen Textilien existiere. Als Medien der Selbstinszenierung
hätten jene aber gerade im Kontext Karls des Kühnen eine wichtige Rolle
gespielt. Mit der Schilderung der Handelsbedingungen in Brügge (Tommaso
Portinari) zeigte Stauffer auf, wie man sich den Warenaustausch zur Zeit
Karls des Kühnen vorzustellen habe. Mit Beispielen aus dem Historischen
Museum von Bern veranschaulichte die Referentin, welcher Aufwand am
burgundischen Hof betrieben wurde, um Macht und Reichtum in Szene zu
setzen. Weiter zeigte Stauffer auf, wie einzelne Stücke aus der
Burgunderbeute in liturgische Kleidungsstücke eingearbeitet wurden. Die
Wertschätzung der Stoffe werde dadurch bezeugt, dass Karl der Kühne noch
in den 1470er Jahren neben aktuellen Stoffen einige Stoffbahnen von 1450
mit sich führte.
Mit einem Impulsreferat stellte ROBERT SUCKALE (Berlin) einige weniger
bekannte Werke der Zeit Karls des Kühnen vor. Er wies darauf hin, dass
die Historiker zwar ein Zeitalter der Herzöge von Burgund aus dem Hause
Valois benennen würden, dass eine Trennung zwischen Philipp dem Guten
und dessen Sohn Karl aber nicht existiere. Die Szene des Aufbruchs des
Markgrafen von Thüringen (Retabel, Elisabethkirche Kaschau) nahm Suckale
als Ausgangspunkt für einige Beobachtungen. Obwohl nüchtern
thematisiert, widerspiegle die Szene das Interesse des Malers am
höfischen Abschiedszeremoniell (Kniemotiv). Mit der Frage, was
eigentlich burgundisch am Hof der Herzöge Burgunds gewesen sei, öffnete
Suckale ein weiteres Feld und zeigte auf, dass Maler wie Robert Campin
und Rogier van der Weyden keine eigentlichen Hofkünstler waren. Das
Widmungsbild der Chroniques de Hainaut (Rogier van der Weyden oder
Vrancke van der Stockt, um 1448) zeige weiter, dass das subtil
abgestufte Herrschaftszeremoniell mit den alten Bildtraditionen nicht
dargestellt werden konnte. Abschliessend sei festzuhalten, dass die
europäische Kunst von 1440 bis 1480 durchaus vom burgundischen Hof
beeinflusst worden sei.
ULRIKE HEINRICHS (Berlin) stellte das Werk des Meisters W vor, einer
eigentümlichen und doch virtuosen Künstlerpersönlichkeit des 15.
Jahrhunderts. Seine Biographie müsse anhand der Werke erschlossen
werden. Ein Teil seiner Werke würden Ausschnitte aus der burgundischen
Kunstproduktion darstellen. Mit dem Vergleich zwischen Meister W
(Bischofsstab) und Martin Schongauer (Bischofstab, Weihrauchfass) zeigte
Heinrichs Gemeinsamkeiten und Parallelen auf. Auffällig sei, dass
Meister W fast keine figürlichen Darstellungen verwende. In seiner
malerischen Behandlung der Oberflächen rückte Heinrichs das Werk von
Meister W in die Nähe von Entwurfszeichnungen (vgl. Visierung Jörg
Syrlins für den im Bildersturm zerstörten Hochaltar im Ulmer Münster).
Heinrichs schloss auch nicht aus, dass einzelne Stiche Unikate seien
(Spezialisierung von Meister W).
Nachmittagssession 19. Juli 2008:
Mit den Gewandschliessen der Berner Stadttrompeter rückte PETER JEZLER
(Bern) Objekte der laufenden Ausstellung in den Blickpunkt der
Betrachtung. Die Silberarbeiten sind seit dem 16. Jahrhundert in Bern
attestiert und von hoher werktechnischer Qualität. Anhand schriftlicher
Quellen zeigte Jezler die Bedeutung und den Aufgabenbereich von
Stadtmusikern auf. Um die Qualität der Berner Abzeichen zu
veranschaulichen verglich Jezler jene mit Chormantelschliessen des
Ordens vom Goldenen Flies (Wien). Motivische und strukturelle
Besonderheiten würden die Vermutung zulassen, dass die Berner Abzeichen
nicht in Bern gefertigt wurden. Durch das Auseinandernehmen der
Abzeichen erhärte sich die These, dass der Berner Schild erst nach den
Burgunderkriegen die Abzeichen zierte. Mit einem Vergleich mit den
Abzeichen der Stadt Gent (1482) schloss Jezler, dass die Berner
Stadtpfeifer-Abzeichen wiederverwendete Werke aus der Burgunderbeute
seien.
MARC CAREL SCHURR (Freiburg/Schweiz) stellte mit der Pérolles-Kapelle in
Fribourg ein architektonisches Kleinod vor, welches vom sozialen
Aufstieg der Familie von Diesbach zeugt. Christoph von Diesbach habe das
Château de Pérolles samt Privatkapelle wohl bis 1516 errichten lassen.
Die Kapelle zeuge vom veränderten Selbst- und Standesbewusstsein. Als
Vergleichsrahmen habe kein geringerer Bautypus als die Pariser Sainte
Chapelle Ludwig des Heiligen gedient. Schurr stellte heraus, dass
Nachfolgebauten der Sainte-Chapelle (Riom, Châteaudun, Aigueperse)
allesamt im Umkreis der Königsfamilie entstanden seien und dass dieser
Aspekt wohl auch von Christophe de Diesbach wiederaufgegriffen wurde.
Mit der Vermutung, dass Pérolles auf die Sainte-Chapelle in Chambéry
(Herzöge von Savoyen) Bezug nimmt und dass durch die Darstellung des
Grabtuchs Christi (Glasmalerei) der alleinige Anspruch der Herzöge von
Savoyen auf diese Reliquie untergraben werden sollte, zeigte Schurr,
dass die Pérolles-Kapelle als politisches Statement einer innerhalb
weniger Generationen von Kaufleuten zu (Hoch)Adel aufgestiegenen Familie
verstanden werden kann.
JAN CHLIBEC (Prag) begann seinen Vortrag mit dem Bericht einer
Tschechischen Gesandtschaft, welche zwischen 1466 und 1470 Westeuropa
bereiste. Weiter schilderte Chlibec, wie die Exekution Savonarolas in
Tschechien aufgenommen wurde und wie sich die Nicht-katholischen Kreise
Böhmens für die Schriften Savonarolas interessiert. Generell sei
Tschechien den Einflüssen aus Italien (Kultur) nicht verschlossen
gewesen. Mit der Gegenüberstellung von Jan Hus und Savonarola erläuterte
Chlibec anschliessend die Faszination der Utraquisten für Savonarola und
zog den Schluss, dass im 15. Jahrhundert eine neue Form von italienisch
geprägtem Livestyle nach Böhmen gekommen sei, welchem die Utraquisten in
Berufung auf Savonarola zu begegnen suchten.
BRUNO KLEIN (TU Dresden) wählte eine komplementäre Betrachtungsweise und
stellte die Frage in den Raum, ob das Fehlen von Architektendynastien in
unmittelbare Nähe zum Burgundischen Hof mit der Absenz einer
eigentlichen Hofarchitektur zu erklären sei. Anschliessend lieferte er
eine telefonbuchartige Aufzählung (Klein) der wichtigsten
Werkmeisterfamilien des 14. bis 16. Jahrhunderts, die von den Parlern
über die Ensinger, Böblinger und Roriczer bis hin zu den Keldermans
führte. Diese Baumeisterfamilien würden sich vorwiegend in den
Reichsstädten Süddeutschlands und in den Niederlanden und Spanien
finden. Dies lasse eine spezifische Auftragslage vermuten, welche es den
Familien über mehrere Generationen hinweg erlaubt habe, den gleichen
Beruf auszuüben (Hofkünstler vs. Baumeisterdynastie). Einziger
Ausnahmefall sei Peter Parler unter Karl IV. (Sonderform eines
dynastischen Hofkünstlers).
KLÁRA BENEOVSKÁ (Prag) stellte einige Gesichtspunkte der tschechischen
Forschung zum Thema der Junckherren von Prag vor. Nach einem Überblick
über die Beiträge zum Thema der Junker von Prag zeigte Beneovská anhand
schriftlicher Quellen das häufige Auftreten dieser Junker in Prag auf.
In Zusammenhang mit Paniczi/Junker würden sowohl Werke der Bildhauerei,
der Malerei, der Goldschmiedekunst und der Architektur stehen. Das
vermehrte Auftreten dieser Paniczi lege den Schluss nahe, dass unter
Paniczi eher eine Art Berufsbezeichnung zu verstehen sei, denn eine
konkrete Künstlerfamilie. Mit dem Vergleich Prag (Veitsdom) Strassburg
(Münster) zeigte Beneovská, wie Einzelformen in der europäischen
Architekturgeschichte wanderten, übernommen wurden und weiterwirkten.
Zusammenfassung
Die Berner Tagung zeichnete in ihrer Vielfältigkeit ein lebendiges Bild
der Auseinandersetzung mit der Kunstproduktion im Zeitalter Karls des
Kühnen. Einmal mehr wurde veranschaulicht, dass Kunst und Kulturtransfer
mehr beinhaltet als den simplen Warenaustausch nach dem
Sender-Empfänger-Prinzip. So sind Transferprozesse im Bereich der
Kunstwerke (Transfermedien), der Kultur (Hofkultur), aber auch im
Bereich der Sozialgeschichte (Aufstieg einzelner Familien) feststellbar.
Den Organisatoren ist es gelungen, eine hochkarätige Tagung auf die
Beine zu stellen, welche in ihrer interdisziplinären Zusammensetzung die
Frage erhellte, ob im Bereich der Kunstgeschichte von einem Zeitalter
Karls des Kühnen gesprochen werden kann. Der Dialog zwischen den
Referenten und dem fachkundigen Publikum erwies sich in den
anschliessenden Diskussionen als ausserordentlich fruchtbar.
Eine Veröffentlichung der einzelnen Beiträge ist geplant und überaus
begrüssenswert.
Kurzübersicht:
Vormittagssession 18. Juli 2008:
Renate Prochno (Salzburg): Bildnisse Karls des Kühnen.
Scot McKendrick (London): Charles the Bold and the Romuléon:
reception, loss and influence.
Fabienne Joubert (Paris): Le mariage de Charles le Téméraire et
Marguerite dYork, Bruges 1468, et ses implications artistiques.
Nachmittagssession 18. Juli 2008:
Paul Crossley (London): European Gothic in the reign of Charles the Bold
(1465-77). A Black hole?
Brigitte Kurmann-Schwarz (Zürich): Gläserne Bilder zur Zeit der
burgundischen Herzöge. Überlieferung, Form und Funktion.
Philippe Lorentz (Strassburg): Un artiste flamand à la cour de Charles
VII et de Louis XI: Jacob de Litemont (le Maître de Jacques Cur?).
Susan Marti (Bern): Die Sakramentenstickereien des Jakob von Romont und
die Silberstift-Zeichnungen aus Paris und Oxford.
Öffentlicher Abendvortrag 18. Juli 2008:
Thomas DaCosta Kaufmann (Princeton): Cultural Exchange: Some Global
Considerations.
Vormittagssession 19. Juli 2008:
Johannes Tripps (Leipzig): Nordisches Spätmittelalter oder italienische
Frührenaissance? Zum Rätsel der Wolkenbilder auf den Cäsartapisserien
des Historischen Museums in Bern.
Annemarie Stauffer (Köln): Italienische Seiden am burgundischen Hof.
Robert Suckale (Berlin): Wenig bekannte Bilder der Epoche Karls des
Kühnen.
Ulrike Heinrichs (Berlin): Das Werk des Meisters W mit der
schlüsselförmigen Hausmarke. Motiv und Bildbegriff.
Nachmittagssession 19. Juli 2008:
Peter Jezler (Bern): Die Gewandschliessen der Berner Stadttrompeter.
Marc Carel Schurr (Fribourg): Kostbares Glas auf der grünen Wiese: Die
Pérolles-Kapelle in Freiburg (Schweiz) und ihre Glasgemälde.
Jan Chlibec (Prag): Reasons of Savonarolas popularity in the land of
heretics.
Bruno Klein (Dresden): Architektendynastien im 15. Jahrhundert.
Klará Beneovská (Prag): Les Junckherren von Prag sous la perspective
de la recherche tchèque.
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