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newspaper articles (german): lastensegler nachgabaut


From: "Ingo Ratsdorf"
Date: Tue, 17 Aug 1999 17:21:39 +0200

Tagblatt Lokales 17.8.1999 0:47
ostschweiz aktuell
http://www.tagblatt.ch/sgt/online/a_ost.cfm?pass_id=307002

Lastenseglers leichte Fracht
Unbeschwerte Stunden für Feriengäste auf renovierter Bodensee-Lädine

Statt Salz- und Weinfässer transportiert der Nachbau eines mittelalterlichen
Lastenseglers, Lädine genannt, nun Feriengäste über den Bodensee.


Gerhard Herr

Die knochenharten Sitzbänke stören die Gäste genauso wenig wie die auf dem
Boden liegenden Leinen. «Wir sind kein Luxusdampfer sondern ein ehemaliges
Arbeitsschiff, nehmen Sie bitte Platz», sagt Rolf Hiss im Bodenseehafen von
Immenstaad. Ein paar Minuten später ruft er übers Deck: «Vorsicht, Köpfe
einziehen, ich lass jetzt das Segel herunter!»
Alle Passagiere folgen dem Kapitän und Vorsitzenden des Lädinen-Vereins aufs
Wort. Kein Murren. Kein Raunen. Das Ferienehepaar aus Koblenz rückt sich die
bei der Aktion verrutschten Sonnenhüte zurecht. «Das ist wunderbar, so
angenehm sanft übers Wasser zu gleiten», schwärmt schon nach wenigen Minuten
Jutta Ultsch aus Rastatt. DieGeschäftsfrau hat die Fahrt mit der Lädine, dem
einmaligen Nachbau der mittelalterlichen Lastensegler, zum Geburtstag
geschenkt bekommen. Jetzt sitzt sie mit ihren Bekannten unter dem 60
Quadratmeter grossen, an einem mächtigen Fichtenmast hängenden Rahsegel und
geniesst den Sonnentag, Alpenpanorama inklusive.


Huldigungen für den Kapitän

Als sei es ein Objekt vom anderen Stern, umkreisen Freizeitkapitäne mit
ihren Segelschiffen die 17 Meter lange und 5,20 Meter breite Lädine aus
Lärchen- und Eichenholz, die 17 Tonnen auf die Waage bringt. Rolf Hiss nimmt
die ihm zugerufenen Huldigungen gerne entgegen. Schliesslich haben der
pensionierte Lehrer und seine mittlerweile 180 Mitstreiter des
Lädinen-Vereins Bodensee e.V. einen steinigen Weg hinter sich. Vor zwölf
Jahren brachte gerade ein Dutzend Enthusiasten die Idee auf, die
rahgetakelten Lastensegler wieder fahren zu lassen. Vor allem Hiss sammelte
und erbettelte Gelder und Spenden, wie etwa Motor, Getriebe und Bares von
der Gemeinde. Dann gabs noch die Finanzspritze der Europäischen Union und
der, sagt Hiss, «wohl schönste Lastensegler, der je auf dem See gefahren
ist», wurde in Friedrichshafen zusammengebaut. Die Männer der
Michelsen-Werft hatten für den 500 000 Mark teuren Nachbau keine
Original-Pläne. Weil diese einst nur mündlich überliefert wurden, mussten
sie neu, nach alten Fotos und Gemälden, gezeichnet werden. Anfang Mai wurde
die Lädine auf den Namen «St. Jodok», dem Schutzpatron der Seefahrer,
getauft. Derzeit hat der Verein zwar noch 160 000 Mark Verbindlichkeiten,
die aber überwiegend mit den regelmässigen Passagierfahrten eingefahren
werden sollen.


Rorschacher Sandstein

Für seine Hartnäckigkeit hatte der 66jährige Hiss Gründe: Die einst
überwiegend aus Eichenholz gebauten Schiffe beförderten über 500 Jahre lang
Massengüter wie Getreide, Wein oder Salz, Holz aus den Alpen und Rorschacher
Sandstein zu den Handelsstädten über den See. Schon allein deswegen seien
sie ein Stück Kultur- und Seegeschichte, die man wiederbeleben müsse, bevor
sie ganz in Vergessenheit geraten würde. Der letzte Segler ist in den 50er
Jahren für eine Obstkistenfabrik im Konstanzer Ortsteil Wallhausen im
Einsatz gewesen und fiel der Säge zum Opfer. 1991 bargen Archäologen in der
Flachwasserzone vor Immenstaad das bisher wohl älteste hölzerne
Lastenschiff, das vermutlich von anno 1348 stammt.


Motor statt Muskeln

Heute allerdings haben die Gäste mehr Komfort als die mittelalterlichen
Schiffsleute. In der Kajüte - sie gab es früher nicht - sind Toilette und
Kühlschrank eingebaut. Im Rumpf tuckert für Hafenmanöver und Flauten ein
kräftiger Dieselmotor. Die Schiffsknechte mussten stattdessen noch
Muskelkraft aufbringen und in die Ruder greifen. Gesteuert wurde einst mit
einem seitlichen Steuerruder an Backbord. Ein zweites am Heck kommt heute
dazu. Dafür aber hat die Lädine mit dem gerade 80 Zentimeter im Wasser
liegenden Rumpf nach wie vor schlechte Manövriereigenschaften. Die
Passagiere merken wenig davon, wenn sie auf offener See in ihre «Lädinerle»
beissen und den lädinen-Wein trinken. Die «Lädinerle» sind vom örtlichen
Bäcker kreierte Brötchen mit Käse-, Speck- und Sauerkrautfüllung. Der Wein
ist ein Müller-Thurgau vom Immenstaader Sonnenufer. Dann ist auch Hiss
zufrieden, der sich, immer in Hemd und Schlapphut der alten Schiffsleute
eingekleidet, einen Traum erfüllt und dem See ein Stück Kulturgeschichte
wieder gegeben hat.
Anfragen und Buchungen bei der Lädinen-Betriebsgesellschaft, Im Vogelsang 8,
D-88090 Immenstaad, Telefon 0049/7545/6126. Zweistündige Rundfahrten ab
Immenstaad täglich um 10, 14 und 17 Uhr plus im Sommer um 20 Uhr.


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