Liebegg oder wie ich plötzlich Leutnant wurde

Vor einigen Tagen habe ich einen Anruf erhalten. Es ging um die beiden anstehenden Anlässe der Company of St. George: Der sehr aufwändige Nykøbing-Anlass und die militärische Zusammenkunft bei Schloss Liebegg in der Schweiz. Beide liegen zeitlich nahe beieinander, und so fallen einige unserer Mitglieder für eine der Veranstaltungen aus.

Wir hatten im Vorfeld bereits ausgemacht, dass ich bei Schloss Liebegg nochmals in die Rolle des Quartiermeisters schlüpfen könnte. Das erste Mal war dies letzten Sommer in Gruyères der Fall, als Quartiermeister Christian nervös in der Geburtsabteilung eines Spitals herumirrte und die Veranstaltung ohne ihn stattfand.

Zurück zum Telefongespräch. Unser Leutnant Mathieu kann beim Liebegg Anlass leider nicht teilnehmen und so ging es im Gespräch bald um alternative Kandidaten. Plötzlich fiel mein Name, ich war baff und im nächsten Moment war ich vom Quartiermeister zum Leutnant befördert worden!


Mathieu - der Mann der normalerweise den Leutnant gibt (Photo Anne Embleton)

Erst nach dem Auflegen des Hörers habe ich angefangen zu überlegen, auf was ich mich gerade eingelassen hatte. Bald schon verfluchte ich mich, in den letzten Jahren Mathieu in der Rolle des Leutnants nicht genauer über die Schulter geschaut zu haben. Was genau sind eigentlich die Aufgaben des Leutnants? Ich machte mir Gedanken und interpretierte die Rolle für mich: Dem Leutnant unterliegt die ganze militärische Leitung, das ist klar und in Liebegg sehr wichtig, denn wir wollen vor allem viel Kanone schiessen und ein straffes Lager darstellen. Und gerade dazu braucht es auch einiges an Fingerspitzengefühl bei der Leitung. Wir stellen zwar meist Söldnertruppen dar, aber jedes Mitglied nimmt freiwillig an einem Event teil und opfert Ferientage dafür, steigt im Hochsommer in Wollkleider, steht früh auf, schiebt Nachtwache, drillt unter brennender Sonne an der Kanone oder patroulliert in voller Rüstung. Das klingt jetzt vielleicht anstrengend und das ist es auch durchaus. Aber wenn man richtig dazu motiviert wird, dann macht es ebensoviel Spass. Dem Leutnant kommt dabei neben dem Meisterkanonier die Hauptrolle zu.

Doch all dies ist bloss ein Teil dessen was ein Leutnant der Companie meines Erachtens mitbringen sollte. Der weitere Aspekt ist die Ausstattung, denn der Leutnant stellt einen Offiziersrang dar und sollte idealerweise auch für alle Mitglieder ein Vorbild sein was Kleidung und Ausstattung anbelangt, ein Aushängeschild dessen was die Companie machen möchte – eine ausgezeichnete Lebendige Geschichte Darstellung. Ich liess vor meinem inneren Augen ein Bild von Mathieu erstehen. Ich habe seine Ausstattung, die Wahl der Stoffe und der Schnitt seiner Kleidung immer bewundert. Alles akurat bis ins letzte Detail. Im Gegenzug habe ich mir mein aktuelles Equipment vor Augen gehalten: Meine Hose, die schon etwas in die Jahre gekommen ist, gestopft an Knie und Hintern, mein Nierendolch mit dem groben Holzgriff, die Tasche an welcher ein Beschlag fehlt, dazu die Schuhe bei denen sich langsam die Sohle löst und die vermutlich keinen Event mehr überstehen. Sehr schnell kam ich mir vor wie PigPen, ihr wisst schon, der Charakter von den Peanuts der immer von einer Staubwolke umgeben ist. Für einen einfachen Soldaten mag dies alles passen, aber für einen Offizier?


Und hier der Herausforderer: Thomas aka Raubi (Photo Erkki Pursi)

Und ist meine Rüstung tauglich für einen Offizier? Die Brustplatte von Per Lillelund-Jensen ist aus der Sicht des Re-enacters ein Meisterwerk, die perfekte Kopie eines Harnisches aus der Sammlung des Landesmuseums Zürich. Aber sie ist rau gearbeitet, mit Kratzern in der Oberflächenstruktur, wie dies im Original der Fall ist. Und vermutlich handelt es sich auch um den Harnisch eines einfachen Soldaten. Das Gleiche trifft auf meinen Helm zu: ein schönes Stück, aber ein Eisenhut, der Helm eines einfachen Hellebardiers.

Doch es gibt für die Rolle des Leutnants Lichtblicke in meiner Ausstattung: kürzlich sind meine nach Konstanzer Fund von Stefan von der Heide gefertigten Schnallenstiefel bei mir eingetroffen und von Andreas Petitjean habe ich eine E-Mail erhalten, dass meine neue Gürteltasche fertig sei. Vor zwei Wochen durfte ich mein neues Schwert in Empfang nehmen, einen eleganten Einhändern. Zumindest bei dem Schwert weiss ich, dass es leutnanttauglich ist, schliesslich hat es vorher Mathieu gehört.

Nur mit neuer Kleidung wird’s bis zum Event bei Schloss Liebegg leider nichts. Ich habe zwar einige Meter pflanzengefärbten und mit einem Kreuzköper gewobenen Stoff erworben - ideal für Hosen - doch leider wartet dieser noch immer abholbereit in Frankfurt am Main und entzieht sich meinem Zuschnitt, äh Zugriff. Dann muss für Liebegg wohl doch wieder mein Chaperon und meine pelzverbrämte grüne Schaube. Diese reicht bis zu den Knien: zusammen mit den Hohen Stiefeln wird die zerschlissene Hose zumindest gut getarnt.

Wer die Company bei der Burg Liebegg live sehen möchte, ist herzlich eingeladen unser Feldlager zu besuchen. Der Anlass ist für die Öffentlichkeit am Samstag, 21. August und Sonntag, 22. August 2010 zugänglich. Ich gebe jedem einen aus, der diesen Blogbeitrag gelesen hat!

Von Thomas Rauber, Veteran Company Mitglied

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